Was das Berliner Ausbildungsprojekt „Erwachsenengerechte Ausbildung“ und die Charité zur Arbeitsmarktsituation und zur Beseitigung des Fachkräfteengpasses beitragen

Interview mit Martina Teichmann, Geschäftsbereich IT der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Positive Arbeitsmarktzahlen in Deutschland und Berlin geben Anlass zur Freude, aber: fast die Hälfte aller Arbeitslosen hat keine abgeschlossene Berufsausbildung und in bestimmten Bereichen, wie der IT-Anwenderberatung, sieht sich Deutschland mit einem Fachkräfteengpass konfrontiert. Genau da setzt die Fachinformatik-Ausbildung innerhalb des Berliner Ausbildungsprojektes „Erwachsenengerechte Ausbildung“ (kurz: EGA) an. In der Charité – Universitätsmedizin Berlin findet die fachpraktische Ausbildung für einige der Auszubildenden statt, bei der Comhard GmbH wird das theoretische Wissen vermittelt. Das Ziel des Projekts: jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss eine neue berufliche Perspektive zu geben.

Das erste Quartal 2017 ging gut aus für die Bundesagentur für Arbeit[1]. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich positiv. Im März 2017 waren 2,662 Mio. Menschen arbeitslos gemeldet. Das sind 6,4 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. In Berlin gibt es gute Nachrichten für die Jobcenter: Hier sind die Zahlen sogar noch stärker zurückgegangen. Insgesamt gab es im März 2017 174.629 Arbeitslose, also etwa 8,3 Prozent weniger als noch im März 2016.

Auffällig ist jedoch der hohe Anteil an Arbeitslosen ohne Berufsabschluss (48 Prozent in Berlin und 45 Prozent deutschlandweit) und der Fachkräfteengpass in Deutschland. Laut der aktuellen Fachkräfteengpassanalyse[2] der Bundesagentur für Arbeit gibt es Bedarf vor allem bei der IT-Anwenderberatung und Pharmazie sowie im Bereich der Physiotherapie, bei Friseurmeistern und Fahrlehrern.

Mit dem Projekt EGA haben bis jetzt bereits über 500 Arbeitslose im Alter von 25 bis 40 Jahren ihre individuelle Chance erhalten, sich in unterschiedlichen Berufen zielgerichtet ausbilden oder umschulen zu lassen und sich somit für den ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Über 350 Unternehmen haben sich für das Projekt entschieden und Praktikumsplätze angeboten – eine gute Bilanz. So auch die Charité, die bisher zwölf Auszubildende im Bereich Fachinformatik aufgenommen hat.

Im Interview: Martina Teichmann, Geschäftsbereich IT bei der Charité. Sie betreut die angehenden Fachinformatiker/-innen und steht nun Rede und Antwort.

 1. Was hat die Charité davon, Teilnehmende auszubilden?

Martina Teichmann: „Wir sehen den Einsatz der Praktikanten als Win-Win-Situation. Die Praktikanten bekommen die Möglichkeit, den Arbeitsalltag in der IT kennenzulernen und theoretisch erworbenes Wissen praktisch anzuwenden. Für uns ist es neben dem Betreuungsaufwand aber auch eine Entlastung bei der täglichen Arbeit, da die Praktikanten voll in die tägliche Arbeit integriert werden und viele Aufgaben übernehmen können. Außerdem haben wir bereits bei der Nachbesetzung frei gewordener Stellen auf ehemalige Praktikanten zurückgreifen können und damit neue Mitarbeiter bekommen, die schon eingearbeitet waren.“

2. Was ist Ihre Motivation, Fachinformatiker/-innen im Rahmen des Projekts auszubilden?

MT: „Der Beruf des Fachinformatikers ist ein Beruf mit Zukunft. Die Absolventen dieser Ausbildung können in allen Wirtschaftszweigen und Branchen zum Einsatz kommen. Voraussetzung für einen erfolgreichen Wiedereinstieg in den Beruf nach der Umschulungsmaßnahme ist jedoch neben guten Ausbildungsergebnissen ein Minimum an praktischen Erfahrungen im Berufsalltag. Deshalb bieten wir den Umschülern Praktikumsplätze an.“

3. In welchen Bereichen der Charité werden die Auszubildenden tätig?

MT: „Die Auszubildenden werden in der Abteilung Service & Support des Geschäftsbereiches IT der Charité Universitätsmedizin Berlin eingesetzt. Die Hauptaufgabe dieser Abteilung ist der IT-Service für die Nutzer rund um die Arbeitsplatzrechner und Benutzerkonten. Dazu gehören die technische Betreuung der Arbeitsplatzrechner inklusive Fehlersuche und Fehlerbehebung, die automatisierte Installation der PC und die Pflege und Wartung der Benutzerkonten.“

4. Was können die Teilnehmenden bei der Charité lernen, was es woanders nicht gibt?

MT: „Die Charité Universitätsmedizin Berlin ist ein sehr großes Unternehmen. Damit gibt es zwei Eigenschaften, die in kleinen und mittleren Unternehmen nicht in diesem Maße auftreten. Zum einen muss die IT sehr strukturiert und automatisiert betrieben werden. Die Arbeit mit PC und zentralen Daten unterliegt für alle sehr strengen Restriktionen. Zum anderen ist das Fach IT inzwischen so breit gefächert, dass die dort arbeitenden Kollegen wählen müssen, ob sie ein sehr breites, aber im Allgemeinen nicht sehr tief gehendes Wissen haben möchten, oder ob sie sich auf einem Gebiet zum Experten mit tief gehendem Detailwissen entwickeln möchten. In der Charité Universitätsmedizin Berlin sind die Kollegen alle spezialisiert – entweder auf Hardware, Netz, Server, Anwendungsbetreuung oder Clientsupport. Außerdem spielt der Datenschutz, bedingt durch den Krankenhausbetrieb und den damit verbundenen Schutz persönlicher Daten, eine besonders große Rolle. Das erfordert natürlich von allen in der IT hier beschäftigten Kollegen in hohem Maße Verschwiegenheit zu allen Dingen, die hier passieren.“

5. Was ist das Besondere an den Teilnehmenden des Projekts EGA?

MT: „Unabhängig von Alter und der Vorbildung der bei uns eingesetzten Praktikanten gibt es große Unterschiede bezüglich Zuverlässigkeit, Einsatzbereitschaft und Lernwillen. Es gibt Praktikanten, die schon nach kurzer Zeit sehr selbständig Aufgaben für sich erkennen und lösen können. Es gibt aber auch einige wenige Praktikanten, die nach einem halben Jahr Praktikum immer noch von den Betreuern ihre Aufgaben zugewiesen bekommen und nur das tun, was offensichtlich unbedingt erforderlich ist.“

6. Warum ist es so wichtig, eine abgeschlossene Berufsausbildung zu haben?

MT: „Jeder Mensch möchte ein erfülltes Leben leben und sich hin und wieder etwas leisten können. Das geht natürlich nur mit einer vernünftigen Bildung und Ausbildung. Dazu gehört auch ein ordentlicher Berufsabschluss.“

7. Was gibt es Positives über das Projekt EGA zu sagen?

MT: „Menschen ohne berufliche Perspektive wird hier die Möglichkeit gegeben, einen zukunftsorientierten Beruf zu erlernen und damit auf dem ersten Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen.“

8. Welche Perspektiven sehen Sie für das Projekt EGA allgemein und bei der Charité?

MT: „Wir werden auch weiterhin in der Abteilung Service & Support des Geschäftsbereiches IT der Charité Universitätsmedizin Berlin Praktikumsplätze anbieten.“

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

[1] Bundesagentur für Arbeit, „Arbeits- und Ausbildungsmarkt auf einen Blick“ (https://statistik.arbeitsagentur.de/Statistikdaten/Detail/Aktuell/arbeitsmarktberichte/flyer-eckwerte/flyer-eckwerte-d-0-pdf.pdf) und „Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Berlin auf einen Blick“ (https://statistik.arbeitsagentur.de/Statistikdaten/Detail/Aktuell/arbeitsmarktberichte/flyer-eckwerte/flyer-eckwerte-11-0-pdf.pdf), Kurzinfos, März 2017

[2] Quelle: „Bundesagentur für Arbeit, „Blickpunkt Arbeitsmarkt – Fachkräfteengpassanalyse“ (https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Fachkraeftebedarf-Stellen/Fachkraefte/BA-FK-Engpassanalyse-2016-12.pdf), Dezember 2016

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